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Henrich & Hochstetter
Eintagsfliegen kommen immer wieder vor im Musikgeschäft. Schon ein Jahr danach erinnert sich keine Socke mehr an sie, und ich will hier auch niemand benennen, denn in gnädiger Vergessenheit sind diese Namen am besten aufgehoben.
Christian Hochstetter, Jahrgang 1947, war eher eine Frohnatur und nahm das Leben lieber von der heiteren Seite. Sein Reich war ein geräumiger Keller in einem gut gestellten Elternhaus, und seine große Leidenschaft war die Bastelei. Was immer er in die Hände bekam, wurde auseinander genommen, untersucht, begutachtet und meist in verbesserter Weise wieder zusammengesetzt, gleich ob es sich dabei um ein Motorrad oder ein Musikinstrument handelte. Und manchmal entwickelte er dabei überraschende Kombinationen. So konstruierte er unter Verwendung von Motorradbremszügen ein Pedal, mit dessen Hilfe er seine Dobro während des Slidens von Dur in Moll umstimmen konnte. Dass man auf Motorrädern auch fahren und auf Instrumenten Musik machen konnte, ergab sich dabei fast wie von selbst. Christian übte seine flinken Finger zunächst nur zum Privatvergnügen auf Gitarren, Banjos und Mandolinen an vertrackten Soli von Jazz- und Country & Western-Schallplatten. Dabei entfaltete er ziemlich bald eine Virtuosität, die ihn zu einem gefragten Studiomusiker hätte machen können. Selbst vor der Sitar schreckte er nicht zurück, und seine eigene baute er so um, dass er sie auch im Stehen spielen konnte. In der Hauptsache allerdings betrieb er an der Fachhochschule sein Grafik-Design-Studium. Udo Henrich war nach der Bundeswehrzeit ein wenig mit Karin durch Frankreich gezogen, hatte ohne Lizenz in Paris Straßenmusik gemacht und war prompt für einen Tag hinter Gittern gelandet – eine damals (1966) fast unausweichliche Erfahrung für langhaarige Straßenmusiker, nicht nur in Paris. Aber er konnte auch schlitzohrig sein und ergatterte am Abend jenes Tages für seine Freundin und sich eine Einladung zum Essen von einem Solisten der Pariser Oper. Leider kam dieser zu früh dahinter, dass Karin nicht Udo’s Schwester war, wie behauptet, sondern eben seine Freundin und deshalb für den Gastgeber unzugänglich. Das Abendessen fiel in die Seine. Inzwischen Ehemann und Jura-Student, jobbte Udo stunden- und tageweise bei einer Agentur für Marktforschung, rauchte Reval Kette und trat regelmäßig im Düsseldorfer Folk-Club „Danny’s Pan“ auf. Das Niveau der Musiker dort war für damalige deutsche Verhältnisse ziemlich beachtlich, aber was Udo auf seiner Gitarre zeigte, hielt auch noch höheren Ansprüchen stand. Jahre bevor sich irgendein anderer deutscher Musiker als Finger-Picking-Gitarrist hervortat, hatte Udo bereits internationale Klasse erreicht. Er verzettelte sich nie in Fingerakrobatik, sparte an Noten, wie es dem Blues eben gut tut. Aber jeder Ton saß auf dem Punkt und trug wohldosiertes Feeling. Dazu ein Gesangsstil, der nicht die Schwarzen zu imitieren suchte, sondern entspannt zwischen Leonard Cohen und Jim Croce schwebte und nachhaltig unter die Haut ging. Herausragend war außerdem sein absolut akzentfreies Englisch. So etwas hat man von deutscher Zunge selten gehört. Es muss 1969 gewesen sein, als Udo Henrich und Christian Hochstetter sich im „Danny’s Pan“ begegneten. Christian stieg zunächst eher locker und unverbindlich mit ein, begleitete Udo’s tiefernsten Vortrag mit leichtfüßigen, Country-Swing inspirierten Tönen auf seiner Gitarre, lockerte die Songs mit knackigen Soli auf und brachte auf diese Weise einen heiteren und spielerischen Akzent hinein, der den Act sehr viel spritziger und aufregender machte, dabei aber keineswegs vom Wesentlichen ablenkte. Die Mischung stimmte einfach. Der für seine jungen Jahre fast zu abgeklärt wirkende Henrich und der temperamentvollere Hochstetter trafen sich handwerklich auf gleich hoher Ebene und ergänzten einander auf der Bühne ideal.
Etliche Türen öffneten sich nun dem Gitarren-Duo Henrich & Hochstetter. Dabei lässt sich nicht mehr genau feststellen, welche der wichtigen Auftritte, die sich noch irgendwie rekonstruieren lassen, Udo Henrich deshalb als Solokünstler absolvierte, weil sich das Duo noch nicht formiert hatte, und welche er dennoch solo wahrnahm, obwohl das Duo bereits bestand.
Allein war er beispielsweise bei den meisten Festival-Auftritten: das Song-Festival in
Sennestadt (1969), das vom Folk-Club Münster initiierte Folk-Festival in Syke (1969
oder ’70, nur hier war Hochstetter mit dabei) sowie das 5. und 6. Interfolk-Festival in Osnabrück (Frühjahr und Herbst 1970, ein Festival, dem damals enorme Bedeutung zukam). Udo’s Konterfei zierte sogar vollformatig den Titel des Heftes „Interfolk“, Nr. 4 / 1970, und auf dem Sampler „Interfolk-Festival-LP“, Autogram ALLP-171, war er solo mit einem Song vertreten.
Mit dem Interfolk-Festival verbandelt war das Autogram-Label, und so fügte es sich, dass Henrich & Hochstetter im September 1970 ins Studio gingen.
Danach hätte es eigentlich stabil weiter aufwärts gehen müssen, denn die Spitze des Booms für Folk-Musik in der Bundesrepublik stand erst noch bevor und hätte leicht dazu führen können, dass Udo Henrich, und sei es als Solo-Performer, ähnliche Höhen wie sein Altersgenosse Hans Theessink hätte erreichen können. Immerhin wurde Theessink, seinerseits ein Könner des Blues und als Holländer eine ähnliche Ausnahmeerscheinung wie Henrich als Deutscher, zu einer beständigen, international anerkannten Größe. Als ich 1972 selbst auf der Bühne des „Danny’s Pan“ aktiv wurde und Henrich & Hochstetter ehrfürchtig bestaunte, war den beiden auch keinerlei Ermüdungserscheinung anzumerken. Im Gegenteil: Sie taten sie sich sogar noch mit Jochen Beer, einem prima Mann am Kontrabass, zu einem Trio zusammen. Dennoch trat Stagnation ein. Für Udo Henrich rückte das Examen näher, und beide mochten nicht (mehr) wirklich darauf setzen, in der Musik eine solide Existenz zu finden. Booms kommen und gehen, und auch die Erfahrung mit der Philips hatte spürbare Ernüchterungen mit sich gebracht. Die beiden blieben die Créme der Szene, gaben aber bürgerlich-beruflichen Wegen den Vorrang. Und als das „Danny’s Pan“ 1974 schloss, durch Misswirtschaft Pleite, lange bevor die Folk-Musik wieder an Publikum verlor, löste sich auch das Trio Henrich, Hochstetter & Beer auf.
In Udo’s Leben fand der Bruch gleich auf mehreren Ebenen statt. Er verließ seine Frau und seine kleine Tochter und siedelte für eine Weile in Frankfurt. Die Juristerei hängte er unmittelbar nach dem Examen an den Nagel und wurde ein erfolgreicher und wohlhabender Mann in der Marktforschung. Zu seinen Kunden gehörten Jack Daniels und andere bekannte Marken. Auch war er zumindest zeitweise kein Kind von Traurigkeit. Mitunter soll es recht bunt zugegangen sein bei ihm. Stille Wasser gründen tief. Vielleicht war es auch in dieser Zeit, dass er sich an hervorragende Weine heftiger gewöhnte, als ihm gut tat. Später heiratete er ein zweites Mal. Eine ganz konkrete Möglichkeit, nach Chicago zu ziehen, schlug er aus. Hamburg hätte ihn gereizt, aber letztendlich blieb er in Düsseldorf.
Christian Hochstetter hatte sein Studium als Designer grad. abgeschlossen und war zunächst als Grafik-Designer für eine große Agentur, ab 1981 freiberuflich als Zeichner und Texter für diverse mittelständische Industrie-Unternehmen tätig. Soweit es seine Zeit erlaubte, pflegte er seine Leidenschaften in gewohnter Weise weiter – und am gewohnten Ort. Am liebsten ist er bis heute in den Kellerräumen des Hauses, in denen er schon als Teenager schraubte. Und nach wie vor ist nichts vor ihm sicher, mit dem sich, wie er es nennt, „frickeln“ lässt. So lüftete er für Freunde das Geheimnis einer besonderen Leistenkonstruktion im Innern bestimmter Saiteninstrumente. Auch für jede technische Spielerei ist er zu haben, geht allerdings auf seine Weise damit um. Niemals käme er auf die Idee, mit einem Stück Sound-Equipment einen anderen Musiker ersetzen zu wollen. Er ist nur neugierig, experimentiert mit einer Unzahl kleiner Geräte, kombiniert und optimiert und freut sich wie Bolle, wenn er wieder etwas Neues und Nützliches ausgetüftelt hat.
1997 erkrankte Udo Henrich an Krebs. Die Lunge und auch das Gehirn waren befallen. An der Lunge ließ er sich operieren, es folgten Chemo- und Strahlentherapie. Fast ein Jahr lang hielten er und seine Frau die Krankheit im beruflichen und privaten Umfeld strikt geheim in der Hoffnung, den Krebs zu besiegen. Udo war nie ein offensiver Kämpfer-Typ gewesen, aber er war es auch nicht gewohnt, zu verlieren oder gar kleinmütig aufzugeben. Ein weiteres Jahr noch wehrte er sich – jedoch schließlich vergebens. Bis zuletzt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und ohne die zahllosen Schläuche der Apparatemedizin starb er in Würde am 6. Januar 1999. Seine Tochter Bettina ist längst selbst eine gestandene Musikerin. Vor Allem am Schlagzeug zu Hause, komponiert und textet sie auch eigene Songs und widmet sich seit einiger Zeit intensiv dem Gesang. In ihrer wunderbar natürlichen Stimme schwingt etwas von genau jener Atmosphäre mit, die auch in Udo’s Stimme wohnte – eine echte Begabung. Die Japaner nennen das, was ich da höre, den „Geist der Einsamkeit“, aber nicht in einem resignativen Sinne. Sie meinen damit auch den „Mut der Einsamkeit“, Geist im Sinne des englischen Wortes „spirit“. Den hatte zweifellos auch Udo Henrich, und in Christian Hochstetter hatte er zumindest zeitweise den idealen Partner in der Musik.
Inzwischen stellte sich Christian vor allem in seinem Hauptberuf der fortschreitenden Computerisierung. Desk Top Publishing oder DTP heißt das heute, und als echter Tüftler hat er natürlich auch daran seine Freude gefunden. Auf Internet-Seiten wie rockinworld.com oder popsike.com werden die Folk-Blues-Pioniere aus Düsseldorf noch heute mit solchen Komplimenten gewürdigt: „Exzellentes Folk-Blues Gitarren-Duo“ / „Killer Folk-Blues Gitarren-Duo“ / „Country-Blues Gitarren-Meisterschaft erster Güte“ / „In höchstem Maße zu empfehlen, ähnlich wie Wizz Jones“ / „Beste deutsche LP, die jemals in diesem Genre aufgenommen wurde!!!“ / „Einer der rarsten deutschen Acts auf einem Major Label. Was für eine Platte!!!“ / „Außerdem eine fantastische männliche Stimme in solch perfektem Englisch, dass man wirklich niemals eine deutsche Band dahinter vermuten würde“. Was ist dem noch hinzuzufügen? 3 Eine Veröffentlichung der privaten Takes aus Udo’s späten Jahren ist wohl nicht zu erwarten, obwohl sie zwei CDs füllen würden. Aber die Philips-LP von Henrich & Hochstetter ist gelegentlich noch second hand zu finden. Und ob man’s glaubt oder nicht, ein paar Rest-Exemplare der 7 inch-Platten sind auch noch erhältlich – solange der Vorrat reicht ... 1 „Fretful“ kann sich sowohl auf die „frets“, die Bünde des Gitarrenhalses, beziehen als auch so viel wie „besorgt“ oder „quengelig“ bedeuten. 2 Zur LP hier noch zwei discographische Zusatzinformationen: Auf der Cover-Rückseite der LP heißt der Schlagzeuger Pete „Shuggie“ Smith. Hinter diesem Pseudonym „verbirgt“ sich (mit korrektem Foto) Peter Thoms, dessen Name später u.a. durch seine Arbeit mit Helge Schneider bekannt wurde. Warum sich Hans Essers scheinbar hinter dem Sessel verbirgt, ist schnell erklärt: Der gut aussehende junge Bursche war zum Fototermin schlicht und ergreifend nicht da. Ich weiß allerdings nicht, wo zum Teufel er steckte. 3 Alle diese Zitate finden sich in Englisch und sind übersetzt, obwohl Henrich & Hochstetter ausschließlich in Deutschland, niemals im Ausland aufgetreten sind. © copyright Text Juli 2005 by Mojo Mendiola, mit herzlichem Dank an Bettina Henrich, Karin Henrich, Beate Roland und Christian Hochstetter für ihre Unterstützung © copyright Fotos:
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