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"The Voice Of Africa" hieß eine ihrer LPs. Und wenn Miriam Makeba singt,
dann scheint ihre gewaltige Stimme direkt aus dem Erdinnersten hervorzubrechen
und den ganzen Schmerz der geschundenen Seele Schwarzafrikas in die Welt
zu schleudern. Die Apartheid in ihrer Heimat Südafrika ist als System
inzwischen überwunden, aber die "Imperatrice de la Chanson Africaine"
hat noch eine Menge zu sagen, und nach wie vor tritt sie auf.
1932 in Johannesburg geboren, konnte sie bereits als ganz junge Frau Erfolge
im südafrikanischen Show-Geschäft verbuchen. Um 1950 sang sie mit den
Cuban Brothers ihres Cousins, dann 1954 - 1957 mit den populären Manhattan
Brothers und schließlich mit einer Mädchentruppe namens The Skylarks.
Das Jahr 1959 bescherte ihrer Karriere dann gleich zwei kräftige Impulse.
Zum einen übernahm sie die weibliche Hauptrolle in dem Musical "King Kong"
und wurde damit zu einer Berühmtheit in ganz Südafrika. Und entscheidend
wurde ein nur wenige Minuten dauernder Auftritt in dem Anti-Apartheid-Film
"Come Back Africa". Ihr Part:
Sie sang in einem "Shebeen", einem illegalen Treff für Schwarze, die Titel "Lakutshn Ilanga" und "Saduva". Zur Vorführung des Streifens bei den Filmfestspielen
in Venedig ließ der Regisseur Lionel Rogosin sie einfliegen, damit sie
persönlich eine Auszeichnung entgegennehmen konnte. Mit dem Kinowerk ging
erstmals auch die Stimme der Makeba um die ganze Welt und beeindruckte
in gleichem Maße, wie die Szenen vom Elend der schwarzen Minenarbeiter
in Südafrika die Welt schockierten. Eine Rückkehr in den Apartheid-Staat
wäre danach lebensgefährlich gewesen. 1960 wurde sie auch offiziell verbannt.
31 lange Jahre verbrachte sie gezwungenermaßen im Exil als "Bürgerin der
Welt", die letzten davon in Belgien, bis Präsident Nelson Mandela sie
im Dezember 1990 schließlich zurück nach Südafrika, nach Hause holte.
Zunächst mal beschaffte Harry Belafonte ihr seinerzeit ein Visum für die
USA. Und kaum in New York angekommen, eroberte sie das Publikum im Sturm.
Zu ihren Bewunderern gehörten Marlon Brando, Bette Davis und Präsident
Kennedy ebenso wie Nina Simone und Miles Davis. Von Haus aus eher schüchtern,
wuchs die junge Künstlerin nur langsam in ihre neue Rolle als Everybody's
Darling hinein. Plötzlich und überwältigend kam der neue Status für die
Südafrikanerin, die nur wenige Monate zuvor noch daran gewöhnt gewesen
war, am Kap die Demütigungen der Apartheid zu erleben. Nun war sie im
Ausland quasi über Nacht zum gefeierten Star geworden.
Die grazile schwarze Schönheit mit der Stimme einer Löwin und dem unverdorbenen,
fast kindlichen Charme musste geradezu zwangsläufig zur Sensation werden
in der sonst eher aalglatten Unterhaltungsbranche der USA. Und speziell
unter den Schwarzen Amerikas, die gerade ihren Kampf um ihre eigenen Bürgerrechte
verschärften und ansetzten, die afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur wiederzuentdecken,
weckten ihre überwiegend aus Südafrika stammenden Lieder gleichermaßen
Sympathie und Enthusiasmus wie ihr entschiedenes Eintreten gegen die Apartheid.
Doch der Glanz währte kaum zehn Jahre. Nachdem sie 1968 den profilierten
Black-Power-Aktivisten Stokely Carmichael geheiratet hatte, wurde sie
in den USA zur persona non grata. Zwar hatte Miriam, als Gast im Lande,
bewusst und strikt jede öffentliche Einmischung in die inneramerikanischen
Rassenkonflikte vermieden, aber dennoch: Der einstige Shooting Star wurde
nun von Veranstaltern und Radiostationen gnadenlos boykottiert.
Zwischenzeitlich hatte ihr Sékou Touré, damals Präsident von Guinea, einen
Diplomatenpass ausgestellt. Andere afrikanische Staatschefs und auch Fidel
Castro folgten später seinem Beispiel. Die Makeba nutzte die Möglichkeit
und siedelte 1969 nach Conakry an der westafrikanischen Küste über. Von
dort aus unternahm sie ihre Tourneen, trat zweimal als Sonderbotschafterin
vor der UNO-Vollversammlung auf und erfüllte weitere diplomatische Missionen
- stets beseelt vom Kampf gegen Rassismus und für ein einiges, von postkolonialen
Interessen unabhängiges Afrika. Zwar stieß ihre Einstellung bei den Unterhaltungskonzernen
nach wie vor spürbar auf Ablehnung, und manchmal mochte man auch tatsächlich
den Eindruck haben, dass sie die Sympathien bestimmter politischer Kräfte
zu naiv und mit zu wenig Distanz genoss. Dennoch wurde sie - als Sängerin
und als Diplomatin - immer mehr zu der einen herausragenden Stimme der
Menschen auf dem gesamten schwarzen Kontinent.
Das waren die Jahre, in denen sie - außerhalb Afrikas - hauptsächlich
in Gewerkschaftshäusern, Kulturinstituten sowie auf anderen kleinen Bühnen
und einigen Festivals auftrat. Im Dezember 1981 schien dann ein umjubeltes
Konzert in der New Yorker Carnegie Hall ein Comeback einzuläuten, doch
kurz darauf wurde es still um sie. Persönliche Schicksalsschläge suchten
sie heim: das Scheitern ihrer Ehe mit Carmichael, ihrer dritten bereits,
und der tragische Tod ihrer Tochter Bongi, einer ebenfalls phantastischen
Sängerin und einer begabten Song-Schreiberin dazu. Aber ihre Auftritte
bei der Graceland-Tournee von Paul Simon 1987 verhalfen Miriam Makeba
zu einer triumphalen Rückkehr in die großen Konzertsäle der Welt. Mit
ihrem Album "Sangoma" (WEA), was so viel wie "Magierin", "Heilerin" bedeutet,
setzte sie erneut einen Meilenstein in ihrer Karriere, indem sie traditionelle
Gesänge ihrer Heimat einmal nicht mit Elementen von Jazz, Soul und Pop
verschmolz wie sonst, sondern sie sozusagen naturrein vortrug. Ein Wagnis,
das die WEA wohl einging, ermutigt durch den Erfolg der Mbube-Vokalgruppe
Ladysmith Black Mambazo - ebenfalls mit Paul Simon und ebenfalls auf WEA.
Verhaltene Aufmerksamkeit in der Presse erregte ihre Autobiographie "Homeland
Blues" (Goldmann Verlag, 1988), in der sie ihre wechselvolle Lebensgeschichte
in einer schlichten aber um so eindringlicheren Sprache niederschrieb.
Mich interessierte auch, was nicht im Buch stand. Ich hatte kurz nach
Erscheinen der deutschen Ausgabe Gelegenheit, mit Miriam darüber zu sprechen
und zudem das Glück, dass sie mir nach mehreren früheren Begegnungen genug
Vertrauen entgegenbrachte, überhaupt darüber zu sprechen, wenn auch sehr
zurückhaltend. Ich fragte sie zum Beispiel nach Sékou Touré, von dem ja
schon vor seinem Tod bekannt war, dass es auch im unabhängigen Guinea
und unter seinem ersten schwarzen Präsidenten zu erheblichen Menschenrechtsverletzungen
gekommen war. Miriam antwortete mir, dass Touré sie selbst stets mit brüderlicher
Fürsorge behandelt habe, und dass es ihr als Gast eines Landes ja auch
nicht zustehe, sich in dessen innere Angelegenheiten einzumischen. Und
dabei schaute sie mich mit einem langen traurigen Blick an. Man stelle
sich ihre Gewissensnöte vor: Sie, die Frau in Verbannung und Exil, die
die Gastfreundschaft eines anderen Landes in Anspruch zu nehmen gezwungen
war und sich gleichzeitig und genau deshalb im Fall dieses Landes nicht
zu ihrem dringendsten and heiligsten Anliegen äußern durfte: den allgemein
gültigen Menschenrechten. Und damit nicht genug. Nicht von ungefähr dürfte
sie Guinea nach Tourés Tod 1984 wieder verlassen haben. Als die Nachfolgeregierung
dessen Vergehen offiziell bestätigte, stand sie in ihrem Gastland möglicherweise
und tragischerweise auch noch als Verräterin an ihrer eigenen Sache und
als Kollaborateurin eines Despoten in Verdacht. Und das in "ihrem" Afrika.
Dies mögen heute die Schatten der Vergangenheit sein, aber wie wir wissen,
lassen die einen niemals ganz los. Seit Graceland ist sie immerhin wieder
weltweit gefragt, tritt in den besten Häusern auf und vor hohen Herrschaften,
darunter eine ganze Reihe von Staatsoberhäuptern und der Papst. 1997 begab
sie sich auf ihre "Farewell Tour", stimmgewaltig wie immer, aber doch
mit gebremstem Temperament. Die Lebensjahre begannen Wirkung zu zeigen.
Dennoch ließ sie es nicht beim Abschied. Noch im selben Jahr wirkte sie
mit in dem Film "Mama" von Veronique Patte Doumbe, und allein 1998 durchkämmte
sie Afrika, die USA und Europa: ausverkaufte Säle fast überall, Fernsehauftritte,
das volle Programm.
Ihre Schallplatten sind, je nach Produzent, von unterschiedlicher Qualität.
Außerdem ist es ziemlich schwierig, das Dickicht von Alben zu durchschauen.
Die meisten sind Kompilationen bereits früher veröffentlichter Songs und/oder
alternativer Takes immer derselben Lieder. Zu den Highlights aus ihrer
US-Zeit gehören die LPs "Pata Pata" (Reprise) mit der Originalaufnahme
ihres großen Hits von 1967, "Forbidden Games" und "The Voice Of Africa"
(beide RCA). Neben dem gar nicht so braven Tanz-Hit - "Pata Pata" bedeutet
"berühren, berühren" - finden sich hier erlesene Perlen des Afro-Soul
wie "Westwind" aus der Feder von Bongi Makeba, "Piece Of Ground", der
"Click Song" und "Kilimandjaro". Zwei herausragende Produktionen gelangen
in den 70ern. Die temperamentvolle, live in Conakry mitgeschnittene "Appel
A L'Afrique" (Syliphone) mit dem zärtlichen, längst zur inoffiziellen
gesamtafrikanischen Nationalhymne avancierten Liebeslied "Maleika" sowie
die von ihrem Landsmann und Ex-Ehepartner Hugh Masekela kongenial produzierte
"African Convention" (pläne). Sehr empfehlenswert auch die schon erwähnte
"Sangoma" (WEA). Und das Album "Welela" (Polydor) erwähne ich, weil darauf
der Titel "A Luta Continua" zu hören ist, ihre Widmung an Mosambik, die
jahrzehntelang zu ihrem ständigen Bühnenrepertoire gehörte, aber nie auf
Platte veröffentlicht wurde. Auf "Miriam Makeba & The Skylarks" (Kaz Records)
und auf "The Very Best Of The Manhattan Brothers" (Stern's Africa, 2 CDs)
kann man seit Anfang der 90er Jahre auch wieder der Miriam Makeba aus
der Zeit vor dem Exil lauschen, ihren südafrikanischen Anfängen aus den
50er Jahren. Hochinteressant! Aufpassen sollte man bei den Wiederveröffentlichungen
auf Goya CDs. Da geht's ein wenig drunter und drüber. Die LP "Country
Girl" taucht unter dem Titel "Meet Me At The River" als CD wieder auf
und ist mit dem Original identisch. "Malaisha" heißt eine Neuauflage von
"African Convention", die zusätzlich zu den Originalaufnahmen einen Bonus-Track
bietet. Inklusive Titel identisch mit der alten LP ist der Silberling
"A Promise". Auf der CD "Kilimandjaro" ist teilweise Originalmaterial
zu hören, und zwar von der "Appel A L'Afrique". Da hat man aber auch ein
paar zweitrangige Takes untergemischt, die so nicht von dem Original-Album
stammen. Vorsicht ebenfalls bei der CD "Pata Pata". Die ist nicht identisch
mit der gleichnamigen LP auf Reprise und enthält auch nicht die Originalaufnahme
von "Pata Pata". Letztere gibt es erst neuerdings wieder Warner und parallel auf Collectables. Wer sich in meiner Diskografie
von Miriam an den Hinweis "recommended" hält, kann sich Miriam's Repertoire aus Originalaufnahmen gezielt zusammenstellen.
Ein bisschen verwirrend, das ganze Sammelsurium von Originalaufnahmen,
Best-Of-Alben, Wiederveröffentlichungen, Rückblicken, Neuzusammenstellungen
und Very-Best-Of-Alben. Aber so ist das nun mal bei über 50 Platten, verstreut
auf über 20 Labels, nicht alle weltweit veröffentlicht, in diversen Quellen
mit teilweise falschen oder zweifelhaften Veröffentlichungsdaten gelistet
und ganz sicher niemals vollständig - vermutlich nicht einmal bei mir.
Was solls?! Sie sang weiter, mit ihrer Enkelin Zenzi Lee im Background-Chor und ihrem Urenkel Lindelani im Tross. Sie wirkte weiter in Filmen mit, so in Lee Hirsch's opulenter und aufregender Dokumentation "Amandla!" (2002) über die kraftvolle Wirkung der Musik im Kampf gegen die Apartheid. Und sie erhielt weiter Auszeichnungen, nicht nur für ihre Leistungen als Sängerin (wie den Grammy und den Polar Music Prize), sondern auch für ihre humanitären Engagements (wie den Dag Hammerskjøld-Friedenspreis und die Otto Hahn-Friedensmedaille in Gold).
Dann, am 25. September 2005, verkündete sie, dass sie sich nach einer letzten Tournee wirklich und definitiv von allen Aktivitäten im Musik-Business zurückziehen würde, und gab ihr letztes Konzert am 5. Mai 2006 beim 18. Afrika-Festival in Würzburg. Bislang blieb es dabei, nur zum 42. Brighton Festival in Mai 2008 ließ sie sich ausnahmsweise noch mal zu einem einzelnen Exklusiv-Auftritt überreden.
Das beutet aber nicht, dass die große Miriam Makeba gar nicht mehr aktiv wäre. Besonders seit ihrer Rückkehr in die Heimat und einigen desillusionierenden Erfahrungen dort ist sie nach wie vor entschlossen, ihrem Ehrentitel "Mama Africa" gerecht zu werden. So engagiert sie sich weiterhin für ihre Zenzile Miriam Makeba Stiftung, einschließlich des Miriam Makeba Rehabilitationszentrums für missbrauchte junge Frauen, und sie unterstützt Kampagnen gegen Drogenkonsum und die weitere Ausbreitung von Aids. Außerdem fungiert sie als Präsident Mbeki’s Goodwill-Botschafterin bei den Vereinten Nationen.
Außerdem wurde inzwischen ein zweites autobiographisches Buch veröffentlicht: “The Miriam Makeba Story” by Miriam Makeba in conversation with Nomsa Mwamuka (Johannesburg 2004, ISBN 1-919855-39-4). Darin kommen natürlich auch ihre Heimkehr und ihre Erfahrungen und Aktivitäten in Südafrika vor, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Homeland“ (weiterhin erhältlich) noch in der Zukunft lagen. Außerdem enthält es eine Menge bislang unveröffentlichter Fotos aus Miriam’s privater Sammlung.
"Masakhane", einer ihrer Song-Titel, bedeutet: "Lasst uns gemeinsam aufbauen!" Das ist es, was sie gegenwärtig tut, und das war es schließlich, wofür sie als Mensch und Künstlerin ihr ganzes Leben lang gestanden hat.
© copyright Fotos (Miriam Makeba & Zenzi Lee) und Text by Mojo Mendiola,
März 2003 & April 2008
© copyright Foto Bongi Makeba by Makeba Archive 1987, entnommen ihrem
Buch "My Story / Homeland Blues"
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